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Schmöe, Friederike: Fliehganzleis

Kea Laverdes zweiter Fall

Eine Rezension von Savignon, veröffentlicht am 07.02.2010


Friederike Schmöes Kriminalroman „Fliehganzleis“ beleuchtet die interessante Geschichte einer DDR-Flucht – und bleibt ansonsten unglücklich farblos

„Es läuft mit einem LKW“, sagt Alex plötzlich und deutet dabei auf ein Foto. „Zustieg an der Autobahn. Nachts, zwischen Berlin und Grenze.“
Leipzig, Mai 1973: Larissa Roth will fliehen. Aus der DDR in den Westen. Alex ist ihr Verbindungsmann. Im Herbst soll die Aktion ausgeführt werden. Bis dahin hat sie stillzuhalten, darf niemandem etwas sagen. Sie wird Bescheid bekommen. Vielleicht ja wieder von ihm, Alex, dem androgynen Blondschopf, dem sie schon nach diesem ersten Treffen hoffnungslos verfallen ist...
Heute, 2008, geht sie auf die 70 zu, nennt sich wieder Gräfin Rothenstayn und wohnt allein in ihrem geerbten bayerischen Schloss. 1975 ist sie geflohen, nachdem ihr erster Fluchtversuch vereitelt und sie von der Staatsgewalt festgesetzt worden war. Es war Alex’ Vater gewesen, der SED-Funktionär Reinhard Finkenstedt, der sie unnachgiebig verhört und seinen eigenen Sohn ins Zuchthaus abgeschoben hatte. Sie will ihre Geschichte weitergeben, indem sie sie von einer professionellen Schreiberin zu Papier bringen lässt. Diese Person ist die 39-jährige Kea Laverde.
Es entfalten sich drei Handlungsebenen: erstens die gegenwärtige um Ghostwriterin Kea und ihren Verehrer, den Kriminalpolizisten Nero; zweitens die vergangene um Larissa und ihren um vierzehn Jahre jüngeren Geliebten Alex sowie drittens eine Vergangenheit und Gegenwart verknüpfende Ebene, auf der die Gräfin offenbar von einem Unbekannten in ihrem Schloss angegriffen und letztendlich tödlich verletzt wird. Es ist der Autorin des Romans jedoch nicht gelungen, die beiden ersten Ebenen so miteinander in Beziehung zu setzen, dass sie von gleichberechtigtem Interesse wären. Die Gegenwartserzählung nimmt zwar rein quantitativ deutlich mehr Raum ein, in ihr berichten außerdem die verschiedenen Figuren über ihre Vergangenheit im Zusammenhang mit den Fluchthelferaktionen. Doch gegen die nervenaufreibende Schlaglicht-Erzählung der Ereignisse um Larissas Fluchtpläne, ihre Inhaftierung und Freilassung wirken die Gedanken und Erlebnisse der Ich-Erzählerin Kea und des zweiten Protagonisten Nero seltsam belanglos und dröge. Die Schatten der DDR werden bei ihnen nur sichtbar, wo ihr Verhältnis zu den ehemaligen Fluchthelfern thematisiert wird – etwa, wenn Kea im Gespräch mit einem von diesen der Gedanke kommt: „Er hatte in einer Zeit gelebt, in der er etwas Sinnvolles hatte tun können. Ich schrieb nur Biografien auf. Plötzlich kam mir mein Leben windig und armselig vor.“
Die Lebensgeschichten von Nero und Kea bleiben nebensächlich und uninteressant, ihre Charakterzüge blass und funktionslos. Wer als Leser eine kunstvolle Parallelführung und sich spiegelnde Motivik in den Ereignissen und Charakteren der beiden Erzählstränge erwartet, wird leider enttäuscht. Das einzige klar erkennbare, lose Bindeglied bildet das Lied „Visum für einen Traum“, den Traum von Freiheit, den Larissa einst träumte und den Kea nun aufarbeitet. Hier zeigt sich aber deutlich die Akzentverschiebung: Während Larissa private Freiheit nur durch politische zu erreichen hofft, spielt letztere für Kea gar keine Rolle mehr. Für sie kommt es einzig auf ihre persönliche Freiheit an. Die politische Dimension schließt sich ihr nicht auf, sie bleibt innerlich völlig unbeteiligt und verständnislos in Bezug auf die DDR-Vergangenheit ihrer Kundin. Insofern stellt sich die Frage, ob Kea überhaupt geeignet ist, die Geschichte der Gräfin adäquat niederzuschreiben. Larissa kann leider über die Güte des Buches nicht mehr entscheiden: Sie stirbt kurz vor Schluss im Krankenhaus.
Über die Güte von Schmöes Roman ist zu sagen, dass er insgesamt durchschnittlich solide konstruiert und erzählt ist. Der vor diversen Stilblüten* nicht gefeite, sachliche Erzähltenor plätschert großenteils vor sich hin. Die Glaubwürdigkeit der Charaktere lässt an einigen Stellen zu wünschen übrig, so manche Figur wirkt schlicht deplatziert. Sobald aber die Erzählung Bezug auf die Ereignisse in der damaligen DDR nimmt, wird es spannend und interessant. Glanzlichter sind die in paralysierendem Präsens vorgestellten Szenen aus Larissas Vergangenheit, neben denen alles andere wie unwichtig wird, die als einzige den besonderen Reiz dieser Geschichte glaubhaft verkörpern. Von ihnen hätte man sehr gerne mehr gelesen.
Der Autorin gelingt es ansonsten nicht, die DDR-Vergangenheit überzeugend in die Gegenwart zu integrieren. Wie sie in Person des schurkenhaften, ideologieverblendeten Reinhard Finkenstedt über den DDR-Staat herzieht, erscheint ebenso kompromisslos wie eindimensional. Es geht nicht um Schönreden, es geht um differenzierte Wahrnehmung und Darstellung des Vergangenen. Und davon ist Schmöe ebenso wie ihre Protagonistin weit entfernt. Wenn dieser Roman eines über unser Verhältnis zur DDR aussagt, dann dieses: dass sie uns Nachgeborenen fremd sei. So fremd, dass sie uns vielleicht nichts mehr angehe. Dass wir darüber froh sein könnten, in anderen, in freiheitlichen Verhältnissen zu leben. – Mit echtem Verständnis eines nicht unwichtigen Kapitels deutscher Geschichte hat das nichts zu tun.


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* Markantes Beispiel: „Ich wachte auf, weil ich durstig war. Ausgetrocknet wie der Negev und verwirrt. Mein Kopf war nicht mehr aus Glas. Die vielen Fäden dieser Geschichte umschlangen mich wie Nattern, kalt, glänzend, gefährlich.“ (S. 282) Oder – noch markanter – eine Seite später: „Mein Herz tobte wie ein bekiffter Drummer.“ (S. 283)


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