Montag, 11. August 2008, 13:24:
Avoiding Bluntness
von
Kindermund
„Avoiding bluntness“ ist ein Kapitel in meinem Englischbuch. Übersetzt heißt es: „Unverblümtheit vermeiden“. In haarsträubend aberwitzigen und gestellten Dialogen, in denen jeweils einer von zwei geplagten Schülern einen englischen Muttersprachler darstellen soll, in den er sich absolut nicht hineinversetzen kann, üben wir, den Menschen im englischsprachigen Raum nicht auf den Schlips zu treten. Als unsere Lehrerin bemerkt, dass wir wirklich total hilflos sind, gibt sie uns ein paar Formulierungen als Hilfestellungen, unter deren Einfluss sich am Ende alle Dialoge verdächtig ähnlich anhören. Sie handeln im Großen und Ganzen davon, wie man das Land mag, das man gerade bereist (bloß nichts Negatives antworten), ob man schon mal in der Heimatstadt des Gesprächspartners war und wie man sie mag (s. oben), wie man das Wetter gerade so findet (sogar hier: s. oben) …
Am Ende sind wir natürlich geschlossen der Meinung, unsere Lehrerin sowie die Lehrbuchautoren haben alle einen an der Waffel. So unterhält sich doch kein normaler Mensch!
Ungefähr ein halbes Jahr später, die Schule ist vorbei, das Abitur bestanden, fliege ich mit meiner Familie in die USA und verschwende natürlich keinen Gedanken mehr an Schulische Absurditäten wie „avoiding bluntness“. Gegen Abend kommen wir am ersten Motel an und fallen Todmüde in unsere Betten. Am nächsten Morgen stürzen wir uns dann hungrig auf das etwas exotisch anmutende Frühstücksbuffet. Als ich gerade versuche mich mit den quietschgrünen und orangefarbenen Cornflakes mit knallroten Punkten anzufreunden, spricht mich eine Frau an: „Hi, how are you? “ Etwas verwirrt antworte ich: „Fine. Thanks“
„So where do you guys come from? “ Langsam, aber mit beunruhigender Beharrlichkeit schieben sich sie Worte „avoiding bluntness“ in mein Bewusstsein, während ich ihr wahrscheinlich viel zu kurz angebunden antworte.
„And how do you like it here? “ (Dieser Dialog beginnt dem mit meinem Mitschüler zu ähneln. Ich antworte natürlich, dass ich es hier mag.)
„Oh really, and how long are you going to stay? “ (Eine Formulierung unserer Englischlehererin)
“I have been in Munich once and I really loved it.” (Was zum Teufel geht hier vor?)
Eine Viertelstunde später ist die Frau im Begriff, sich zu verabschieden, nachdem sie mir ihre halbe Lebensgeschichte, ihren Familienstand und ihre Urlaubs- sowie sonstigen Zukunftspläne offenbart und leider die selben Informationen auch aus mir herausgekitzelt hat. Während ich mich innerlich mit dem Fakt angefreundet habe, dass unsere Lehrerin vielleicht in einigen Aspekten ein bisschen Recht hatte, beruhige ich mich mit meiner Sicherheit darüber, dass eine ihrer Prophezeiungen ganz sicher nicht eintreten wird: Diese wildfremde Frau wird uns ja wohl nicht zu sich nach Hause einladen!
„If you want, you can visit me and my husband in Vancouver while you are staying here in the US”, sagt sie und wendet sich zum gehen.
Ich beschließe, noch einmal in meiner alten Schule vorbei zu schauen um in sämtlichen Leihexemplaren des Englischbuches, die unsere Schule besitzt, Notizen an die künftigen Schülergenerationen zu hinterlassen, die versichern, dass weder die Autoren, noch der Lehrer einen an der Waffel haben, und um vor Frau Lehmann auf die Knie zu fallen und zu wimmern: „Es tut mir Leid, sie hatten Recht“
· Schöne Kolumne. : )
Ich kenn' das Phänomen... ich begegne regelmäßig immer amerikanischen Soldaten in Heidelberg und finde mich dann urplötzlich dabei wieder, dass ich sie frage, wie sie dasw Schloss finden und ihnen dann bestätige, dass ich es auch wirklich imposant finde - während mir ganz entfallen ist, dass das nur so 'ne komische Ruine ohne historischen Wert ist. Naja, aber man will wildfremde Menschen ja auch nicht einfach verschrecken. ^^ -
para.gone, 11.08.2008
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· Köstlich geschrieben. Habe mich sehr amüsiert.
Ja, genauso läuft es wohl ab.
Kunterbunte Grüße,
Viola -
ViolaKunterbunt, 11.08.2008
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· Ich war bisher nicht in Amerika, aber kenne die Geschichten auch. Es sind oft einfach völlig offenere und gastfreundlichere Menschen als hier, eine positive Sache in Amerika. -
FliegendesOink, 11.08.2008
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· Yes oder Yeah: Mrs. Kindermund at her best, da gebe ich meinen Vorkommentatoren Recht, das ist einfach: weil es stimmt. Idioms, die habe ich geliebt in der Schule, eines ist mir (leider) unauslöschlich im Gedächtnis verblieben: „The solution of the problem was arrived at by chance“, - ein Satz, den man immer wieder gebrauchen kann, wenn auch nicht im englischsprachigen Ausland, will man nicht sofort als Deutscher erkannt werden. Früher diente mir der Satz zu eher wissenschaftlichen Zwecken, konnte ich ihn noch fehlerfrei aussprechen, war ich noch nicht völlig betrunken, ein Bier oder Wein ging da noch. Ja, ich weiß: Jugendkolumne. Die so genannte Offenheit der Amerikaner mag ich nicht, sie steht in merkwürdigem Missverhältnis zu ihrer aggressiven Politik, vor allem Außenpolitik, sie sind auch nicht zu jedem so offen, wärest Du beispielsweise eine Farbige gewesen… Aber wir wollen nicht meckern: Sehr gute Kolumne, wieder, Andreas -
wupperzeit, 11.08.2008
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