Sonntag, 01. Februar 2009, 23:08:
Joseph Muriel
von
Kindermund
Eines Tages verlor ich in der Stadt meinen Taschenkalender. Nachdem ich eine Woche lang sämtliche Fundbüros der Stadt und alle Läden, in denen ich war, angerufen hatte, beschloss ich, dass entweder jemand beschlossen hatte, es zu behalten, oder es schon lange im Matsch aufgeweicht war. Jedenfalls hielt ich es für unwiederbringlich verloren und kaufte mir ein neues – das gleiche Modell, der gleiche horrende Preis. Diesmal schrieb ich extra sorgfältig alle meine Kontaktdaten hinein.
Zwei Tage später klingelt mich das Fundbüro der Stadt aus den Federn. „Guten Tag, bei uns wurde ein rotes Notizbuch abgegeben, in dem diese Telefonnummer steht“ ZONK!
Also marschiere ich in die Stadt und bezahle 2,5 €, damit sie mir mein Buch wieder geben. Zwar habe ich das neue schon angefangen, aber wenigstens kann ich jetzt noch alle wichtigen Termine und Daten übertragen. Als ich das während der Vorlesung tue, fällt mir in der Spalte für den 22. März ein Eintrag auf: „Joseph Muriel“ – mehr nicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es meine Handschrift ist, mit der der Eintrag gemacht wurde, kann mich nicht im Entferntesten daran erinnern, ihn gemacht zu haben, und vor allem habe ich keinen blassen Schimmer, wer Joseph Muriel sein soll. Nein, an dem Datum habe ich nichts eingetragen. Ich würde mich doch an irgendetwas erinnern.
Vorerst bleibt mir nur zu spekulieren: Der Finder das Büchleins wollte sich verewigen. Warum er das ausgerechnet im Feld für den 22. März tut… keine Ahnung. Ich beschließe, den Namen zu googeln und im Studi-Verzeichnis zu suchen. Vielleicht ist das ja sein Geburtstag. Oder an dem Tag soll ich ihn irgendwo treffen. Nur dann hätte er auch einen Ort hinschreiben müssen. Oder Joseph Muriel ist ein Künstler, der am 22. in Dresden auftritt und der Eintrag ist eine unverbindliche Empfehlung, mich zu diesem Auftritt zu begeben…
Daheim angekommen demonstriere ich mir selbst meine Stalking-Künste und gebe den Namen „Joseph Muriel“ bei Studivz und Google ein. Im Studivz gibt es ihn schon mal nicht. Bei Google finde ich auch nur ein Paar Geschäftsmänner aus den USA (sehr, sehr unwahrscheinlich) und beim Anfügen des Suchbegriffes „Dresden“ eine Band Namens Dresden Dolls (die aber eigentlich nichts mit „Joseph“ zu tun hat)
Etwas frustriert gebe ich auf und vertage das Unternehmen, nehme mir nur noch vor, die Menschen in meiner Umgebung zu fragen, ob sie einen „Joseph Muriel“ kennen oder einen „Dschouhsef Muhriel“ oder „Schoseff Mühriel“ (letzteres ist meine Lieblingsversion)
Einige Tage später fällt mir ein, dass ich mir vorgenommen habe, in den Semesterferien eine Musicalaufführung zu besuchen, in der ein Freund von mir auftritt. Bevor ich es wieder vergesse, beschließe ich, Gebrauch von meinem neuen Kalender zu machen und googele (äußerst virtuos und diesmal auch ergebnisreich) den genauen Termin. Ich schlage den 22. März auf und schreibe den Namen des Musicals hin: „Joseph“ – Sekunde mal! Dejavu!
Ich krame mein altes Notizbuch heraus und schlage das entsprechende Datum auf. Und plötzlich lese ich da nicht „Joseph Muriel“, sondern: „Joseph – Musical“
Ich blättere im neuen Kalender ein paar Seiten vor und radiere eine Notiz weg: „Wer zum Teufel ist Joseph Muriel?“ Stattdessen schreibe ich mir hinter die Ohren:
1. Die eleganteste, einfachste und unspektakulärste Lösung ist meistens auch die richtige.
2. Du hast eine Sauklaue, Madame!
· Früher habe ich ein kleines Adressbuch mit mir geführt, es gab damals noch keine Handys, und ich habe mir dort nur Vornamen notiert, jahrelang, bis ich gar nicht mehr wusste, wer da so genau verzeichnet war... Aber Deine Kolumne hat mich sehr gut unterhalten, ich habe mich bis zum Schluss gefragt, wer denn dieser Herr Muriel wohl nun sein könnte, und Dir auch die Daumen gedrückt, es möge romantisch enden. So endet es humorvoll, und das gefällt mir fast noch besser an Deiner wieder sehr guten Kolumne, Andreas -
wupperzeit, 09.02.2009
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