Sonntag, 21. August 2011, 23:56:
Mein unmoralisches Angebot
von
MagunSimurgh
Einmal wurde mir ein unmoralisches Angebot zugetragen. Ich hatte ein Gedicht für einen Lyrikband eingesandt, der erste Text überhaupt, den ich je veröffentlicht habe. Es wurde auch aufgenommen – ein Exemplar des ziemlich großen und teuren Buches steht bei mir im Schrank. So weit, so gut – einige Monate später bekam ich Post, ein Brief vom Verlag, in dem ich in höchsten Tönen gelobt wurde, ich sei doch von allen Einsendungen einer der Auserwählten, denen eine Seite in der neuen Anthologie freigehalten würde! Natürlich weckte das mein gesundes Misstrauen. Ich las erstmal weiter. Es sollte sogar ein Autorenhonorar von fünfzig Euro geben, allerdings – das stand erst auf der zweiten Seite – müsse man mich verpflichten, eine gewisse Stückzahl abzukaufen. Um in Zahlen zu sprechen: Es ging um dreißig Exemplare zum Preis von schlappen vierhundertvierundvierzig(!) Euro. Selbstverständlich würde das freundlicherweise gleich mit dem Autorenhonorar verrechnet, so dass ich nur noch dreihundertvierundneunzig Euro offen hätte – wie beschaulich! An dieser Stelle (und das ist kein Witz) musste ich zum ersten Mal innehalten, um kräftig zu lachen.
Aber gut, kurz tief Luft geholt, weiter im Text; schließlich wartet man ja auf die Pointe. Man erwartete Verkaufszahlen von vierzigtausend Exemplaren (für Lyrik!), das pauschale Honorar gelte nur für die zehntausend der ersten Auflage. Danach gelte folgendes (ich zitiere): Es gilt ein Autorenhonorar von EUR 50,00 inkl. 7% Mwst. als vereinbart. Dieses Honorar deckt das 1.-10. Tsd. verkaufter Exemplare ab. Ab dem 11.Tsd. gilt ein Autorenhonorar von 10% auf den Nettoladenpreis als vereinbart, das auf die beteiligten Autoren umzulegen ist (Beispiel: Nettoladenpreis EUR 21,30, hiervon 10% (EUR 2,13), geteilt durch z. B. 100 Gedichte = Autorenhonorar EUR 0,0213 je Exemplar und Gedicht x 40.000 verkaufte Exemplare* = Autorenhonorar für Ihr Gedicht in Höhe von EUR 852,00*). Um die Pointe zu verstehen, sollte man zwei Dinge beachten. Zum einen wird der Verkaufspreis für das Buch, um das es eigentlich geht, mit EUR 14,80 beziffert, zum anderen steht im Kleingedruckten: *Die genannte verkaufte Auflage und das errechnete Autorenhonorar sind Rechenbeispiele und können nicht garantiert werden. (Aber das versteht sich ja von selbst.)
Es war eine klassische Milchmädchenrechnung. Ich möge mich doch innerhalb von zwei Wochen melden, da sonst mein Platz an jemand anderen vergeben würde. Ich legte den Brief beiseite, lachte noch einmal kräftig und entschloss mich, ihn im Nachwort irgendeines Werkes zu verwenden. Geantwortet habe ich auf diese Erdreistung natürlich nie.
*** Nachtrag:***
Ich kann es mir nun doch nicht verkneifen auch noch die allerletzten Zeilen dieses Wunderwerkes zu zitieren: "Hinweis: Wenn Ihr Gedicht im Auswahlband „DIE BESTEN“ erscheinen wird, empfehlen wir die Bestellung ausreichender Autorenexemplare, denn das Werk kann nur vor Druck zu dem hohen Subskriptionsrabatt von 40% bestellt werden. Da das Buch eine Visitenkarte für Sie als Autor oder Autorin ist und weil es vermutlich relativ rasch vergriffen sein wird, sollten Sie – erlauben Sie den Rat – lieber einige Exemplare auf Vorrat bestellen. Deswegen räumt die FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE auf weitere für Sie hergestellte Exemplare einen Sonderrabatt von 40% ein= € 8,88 je Exemplar. Bei Abnahme von 20 weiteren Exemplaren liefert der Verlag 3 Exemplare zusätzlich gratis (bei Bestellung nach Drucklegung gilt ein Rabatt von 25%)."
Es ist sehr einleuchtend, dass man hohe Verkaufszahlen vorzuweisen hat, wenn man die Autoren auf dem Mist sitzen lässt.
***Nachtrag ENDE***
· Weiß jar net, was du hast, die waren doch äußerst entgegenkommend... :D -
Skala, 22.08.2011
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· Ja, gell? ^^ -
MagunSimurgh, 22.08.2011
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· Es gibt bei uns eine Seite, auf der man seine Erfahrungen mit Verlagen posten kann, schauen Sie bitte hier:
[exturl=http://www.keinverlag.de/verlage.php]Verlagsverzeichnis[/exturl].
Um erfolgreich betrügen zu können, muss das (potentielle) Opfer entweder dumm, gierig oder eitel sein, oder: alles zusammen. Zum Beispiel. Das zeigen auch die Erfolge dieser so genannten Verlage.
Mittlerweile hast Du andere Erfahrungen mit Verlagen und Verlegern gemacht, wie ich weiß, Stichwort: Jugendanthologie, die sicher weitere Grundlagen für Kolumnen bieten würden. Wenn sie trotz des ärgerlichen Themas ebenso humorvoll geschrieben sind wie diese, freue ich mich darauf,
Andreas -
wupperzeit, 22.08.2011
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· Vielleicht schreibe ich einmal darüber, aber erst wenn sie dem Rest der Welt egal sind. :-) -
MagunSimurgh, 23.08.2011
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· Richtig gemacht. Ein Exemplar genügt völlig!
Bei vielen zieht der Trick leider ... -
Dieter Wal, 25.08.2011
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