Donnerstag, 12. April 2012, 19:01:
Messer rechts, Gabel links.
von
MagunSimurgh
Ich habe mich, wie gesagt, persönlich nie so sehr mit meinem Geschlecht identifiziert. Jedenfalls nicht, dass es mir bewusst wäre. Das ist wohl das Schwierigste an solchen reflexiven Einschätzungen, dass man sich immer gut einbilden kann, dass man bestimmte Vorurteile nicht hat, obwohl man sie, ohne es zu merken, ständig an den Tag legt. Viel mehr im alltäglichen Bewusstsein ist mir meine Eigenschaft, Linkshänder zu sein, denn das kollidiert mit einer Reihe von Konventionen, allen voran gewissen Höflichkeitsritualen. Als Kind habe ich ewig Leuten die linke Hand gegeben und wurde dafür getadelt. Ich neige auch dazu, in meine rechte Hand zu niesen, obwohl ich mir da große Mühe gebe, mich zu beherrschen. (Inzwischen gebe ich Menschen die rechte Hand.) Rechtshänder-Scheren sind für mich schwer zu bedienen. Gleiches gilt für alle möglichen Küchenutensilien wie Schenkkellen und Kartoffelschäler. Ich nehme Besteck in die „falsche“ Hand, wenn ich es einzeln benutze. Messer und Gabel zusammen „richtig“ zu halten, wurde mir schwer anerzogen, ich stelle aber grundsätzlich Tassen „falsch“ herum auf den Tisch.
Mit anderen Sachen habe ich mich arrangiert: Ich spiele eine Rechtshänder-Gitarre, benutze Rechtshänder-Computermäuse (inzwischen privat nur noch Touchpads) und auch mein Keyboard ist nicht umprogrammiert, das erleichtert mir Einiges und macht die meiste Musikliteratur und Akkordseiten im Netz für mich ohne Umdenken zugänglich. Außerdem kann ich mich dadurch, ohne große Hirnverknotungen, an öffentliche Computer setzen. Das Umerziehen in gewissen Belangen hat mich, daran erinnere ich mich noch, als Kind sehr verunsichert, weil es sich für mich einfach unnatürlich anfühlte, das Messer in die rechte Hand zu nehmen und die Gabel in die linke. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich mich als Linkshänder diskriminiert fühle, das geschieht nur gelegentlich: Letztens habe ich einen Crêpe am Bahnhof gegessen, dazu gab es eine Plastegabel mit Sägezähnen, aber für mich als Linkshänder auf der „falschen“ Seite. Es war unmöglich, das Ding zum Schneiden zu benutzen, ich aß den (leckeren) Crêpe dann einfach mit der Hand. (Was für eine Vanillesoßensauerei!)
Für mich ist dieser Unterschied sehr real. Ob der zwischen den Geschlechtern es auch ist, weiß ich nicht, vielleicht ist das auch nur eine Konstruktion aus alten Vorstellungen heraus. Es gibt Vorurteile gegen Männer und gegen Frauen, ich denke, darüber braucht man nicht streiten. Diese verschwinden auch nicht einfach so durch Bildung, sondern nur durch Sanktionen und Interaktionen. Das bedeutet, dass die Äußerung von Vorurteilen oder die Benachteiligung von Menschen aufgrund von ebensolchen ein negatives Feedback bekommen muss. Deswegen sind Gleichstellungsbeauftragte in meinen Augen nicht nur sinnvoll, sondern unerlässlich, Gesetze allein reichen da nicht. Außerdem ist eine Durchmischung wichtig, mit dem „Objekt“ des Vorurteils auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. (Ja, gerade so, wie man sich vielleicht die ideale Beziehung vorstellt – wenn man sich denn Monogamie oder etwas Ähnliches vorstellt, aber darüber will ich an dieser Stelle nicht diskutieren.) In der Arbeits- und Organisationspsychologie sind Geschlechterrollen am Arbeitsplatz ein wichtiges Thema.
Während meines FSJs arbeitete ich in einem Altenheim, das sind relativ von Frauen dominierte Einrichtungen und nun studiere ich Psychologie mit einer Frauenquote von um die 80 bis 90 % in meinem Matrikel. Das bedeutet für mich, einer klaren Minderheit anzugehören, seit fast 2 Jahren! Ich glaube schon, dass es einen Unterschied für mich gemacht hat und macht, vorwiegend mit Frauen zusammenzuarbeiten. Obwohl ich nicht weiß, ob das an mir als Mensch liegt oder wirklich am Geschlecht. Ich hatte das Gefühl, dass bei meinen Kolleginnen oft viel mehr subtil Emotionales in jede Aussage oder Handlung gesteckt wurde als bei den männlichen Kollegen. Das führte in meinen Augen zu Reibereien, die nicht unbedingt hätten sein müssen. Ich will aber auch nicht dieses Klischee vom Zickenkrieg unterstützen, denn die Integrationsprobleme, die ich anfangs im Team hatte, begegnen mir in meinem Leben ständig und immer wieder, so dass ich bezweifle, dass es wirklich etwas mit Geschlechtern zu tun hat, sondern viel mehr mit Stolz und Eitelkeit beiderseits.
Ich halte die meisten Dinge, die wir für typisch Mann oder Frau halten, wirklich für sozialbedingt. Den Einfluss von Rollenvorstellungen kann man auch, und damit will ich meinen Bogen schließen, in Experimenten zeigen. So ist zum Beispiel gezeigt worden, dass Männer ihre Hand deutlich länger in Eiswasser halten können, wenn der Versuch von einer Frau beaufsichtigt wird. Auch gibt es Tests zur mentalen Rotation (Dabei stellen sich die Probanden vor, wie bestimmte Objekte im Raum gedreht werden.), bei denen nach einer Manipulation (d.h. den Männern wird zum Beispiel gesagt, sie schneiden bei dieser Aufgabe im Schnitt besser ab als Frauen) das Ergebnis deutlich anders ausfällt. Das funktioniert allerdings erst etwa ab Einsetzen der Pubertät, so dass sowohl hormonelle Veränderungen, als auch die Manifestierung von Geschlechtsidentitäten und Rollenvorstellungen als Einflüsse diskutiert werden.
Für mich ergeben sich keine empfundenen Nachteile, weil ich männlich bin. Manchmal habe ich vielleicht das Gefühl, bei Unsicherheiten als Mann weniger geachtet zu werden, jedenfalls weniger fürsorglich betrachtet zu werden. Gewichtiger erscheint mir das beim Thema „Sexuelle Bedürfnisse“, die entgegen der Allgemeinmeinung ein sehr intimes und sensibles Thema sind. Sie werden manchmal (wenn vielleicht auch nur scherzhaft) als „Männer wollen eh nur das eine“ abgetan, jedenfalls fühlt es sich manchmal so für mich an. Das empfinde ich schon als eine gewisse Reduktion – ich denke, die Meisten werden nachempfinden können, wie mächtig dieser intime Wunsch nach Nähe sein kann. Ich finde im Allgemeinen, dass man damit sensibel umgehen muss und dass man dieses Bedürfnis nicht verleugnen, mit Witzen überspielen oder als weniger schätzenswert betrachten sollte. Für die meisten Menschen ist das nämlich essentieller Bestandteil von Erfüllung und ausgeglichenen Beziehungen. Ich denke nicht, dass die Geschlechter das Problem sind, sondern nicht ausbalancierte Ideal-, Moral- und Rollenvorstellungen.
· Dieser Text scheint Rankys Erfahrungen zu bestätigen, die sie kürzlich in ihrer [exturl=http://www.keinverlag.de/teamkolumne.php?kid=4&bid=972]Kolumne[/exturl] dargestellt hat: die Rolleneigenschaften der Geschlechter sind anerzogen bzw. sozialisiert. Besonders deren Ausprägung als Klischee, als Verhaltensschablone, die zur Unterdrückung einer erst einmal vom Geschlecht unabhängigen freien Entwicklung der Persönlichkeit zum Individuum (in einer Gesellschaft) führen.
Vermutlich machte diese Unterdrückung in einer altruistischen Gesellschaft Sinn, die Rollenverteilung diente dem Überleben in einer unzivilisierten Welt. Die Arbeitsteilung gegen die Wildnis, könnte man schreiben, und die körperlich oft Schwächere übernahm die Aufgaben, zu deren Verrichtung weniger Körperkraft benötigt wurde. In einer nunmehr eher zivilisierten Welt machen solche Rollenverteilungen keinen Sinn mehr, weil es keiner Körperkraft mehr bedarf zum Überleben…Das neue Schlagwort heißt nicht mehr „Arbeitsteilung“, sondern: „Partnerschaft“.
Deine Kolumne macht, auch wegen Deiner eigenen Ehrlichkeit im Umgang mit den Erfahrungen und Folgen für Dich selbst mit diesen Klischees, Mut, diese Partnerschaft zu suchen im Umgang der Geschlechter. Ich habe sie auch deshalb sehr gerne gelesen. -
wupperzeit, 23.04.2012
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· Aus wissenschaftlicher Sicht möchte ich mich ausdrücklich davor hüten, Thesen bestätigt zu sehen aus Selbstreflexionen. Wie dargestellt, halte ich auch vieles für sozial-bedingt, dennoch kann ich das nicht mit Gewissheit sagen, es ist nur mein Eindruck, der mich freilich auch sehr deutlich täuschen kann. Einiges scheint für große soziale Anteile zu sprechen, wie ich ebenfalls [exturl=http://www.keinverlag.de/teamkolumne.php?kid=4&bid=975]darlegte[/exturl]. Wenn man [exturl=http://rauhfaser.keinejugend.de/]Rauhfaser[/exturl] verfolgt, sieht man ganz unterschiedliche Meinungen dargestellt zur Frage der Geschlechtsidentität und wie man damit umgehen kann.
Das Problem an evolutionärer Psychologie, die oft solche Thesen ("Der körperlich Stärkere ging jagen.") aufwarf, warum dieses oder jenes Sinn gemacht haben könnte, ist, dass sie nichts als schöne plausible Geschichten sind, wenn man sie so formuliert und insofern sind es keine wissenschaftlich sinnvollen Thesen. Prüfbarkeit ist ein Hauptkriterium.
Richtig ist, dass in unserer Gesellschaft körperliche Kraft nicht mehr so essentiell und vordergründig ist und ich denke auch, dass eine ausgewogene Partnerschaft etwas sehr Erstrebenswertes ist.
Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. -
MagunSimurgh, 23.04.2012
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