Samstag, 25. Mai 2013, 23:24:
Prioritäten
von
modedroge
Wollt ihr Leute wissen, was zurzeit mein Problem ist?
(Genaugenommen ist es gar nicht mein Problem, sondern mehr das meiner Mitmenschen:)
Dass mir alles ziemlich kackegal ist - oder zumindest sehr vieles. Zudem deckt sich das wenige, was mir nicht egal ist, nur selten mit dem, was meinen Mitmenschen nicht egal ist - und umgekehrt. Unsere Prioritäten und Wertvorstellungen sind, wenn man so will, inkongruent. Wir sind uneins, gespalten, entfremdet und so weiter. Doch auch das bedeutet mir nicht viel.
Eigentlich ist es sogar ein angenehmer Zustand, der sich dauerhaft gut aushalten lässt, und den ich mir außerdem hart erarbeitet habe. Es hat einiges gekostet, bis ich begriffen habe, dass Aufwand, Sorgfalt und Fleiß nicht unbedingt belohnt, und dass Faulheit, Stümperei und Blödsinn nicht unbedingt bestraft werden. Das heißt nicht, dass ich jetzt eine stumpfsinnige, faule Schlampe bin. Zumindest nicht immer – nur, wenn ich Bock habe und mich dazu aufraffen kann.
Im vergangenen Jahr wurde ich zweimal angelernt - beide Male für unqualifizierte und kaum bezahlte Hilfstätigkeiten, nachdem ich, wie ich inzwischen mit einiger Gelassenheit zugeben kann, umsonst studiert habe (also vergeblich. Keineswegs kostenlos). Noch nie zuvor war ich so häufig – und so nachdrücklich! – mit den Vokabeln „immer“ und „nie(mals)“ (sowie mit deren gebeugten Kameraden „müssen“ und „dürfen“) beschossen worden. Ein bisschen spät vielleicht; in meinem Alter – und in meinem Zustand – hat man zum Teil schon recht hartnäckige Vorstellungen davon, was man immer muss und niemals darf. Und selbst wenn diese Vorstellungen eher schwammiger und trüber Natur sind, so hat wohl auch das seine Gründe und macht die zweckgebundene Konstruktion von Dringlich- und Bedeutsamkeit nicht notwendigerweise leichter.
Bestellungen von diesem Kunden darf man niemals in jenen Ordner heften, sagt man mir, oder: Dieses und jenes muss man immer doppelt befestigen/dreifach kopieren/und so weiter.
War nicht böse gemeint, antworte ich dann manchmal, oder: Ich hatte gute Absichten.
Dann brüllt es auch schon durchs Telefon: So viel Kulanz muss sein!, und durch die Glastür: Das Blut muss weg vom Kundeneingang! Den letzten Satz halte ich schriftlich in meinem Aufgabenkalender fest, auf dessen Umschlag ein triefäugiger Hund abgebildet ist, der einen Gummiknochen apportiert.
Um Punkt 12 Uhr werden dann die fundamentalsten Pflichten und Erfordernisse plötzlich zu diversen Nebensachen, und man lässt alles fahren (wie es sich eigentlich gehört) und benutzt vorübergehend „Mahlzeit“ als Grußwort – eine Sitte, die mich wiederum furchtbar wurmt. Aber ich sage nichts, weil ich instinktiv weiß, dass es den anderen scheißegal ist. Während ich noch gedankenverloren auf einen Haufen versandfertiger Pakete starrte, fragte mich ein hilfsbereiter Kollege, ob mir etwas fehlt. Um ein Haar hätte ich die Wahrheit gesagt.
· "Es hat einiges gekostet, bis ich begriffen habe, dass Aufwand, Sorgfalt und Fleiß nicht unbedingt belohnt, und dass Faulheit, Stümperei und Blödsinn nicht unbedingt bestraft werden."
Herzlich willkommen in der Welt der Erwachsenen. -
Dieter_Rotmund, 26.05.2013
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